Rede zur Ausstellung Erzsebet Nagy SAAR im Haus Wittgenstein, Wien

2013

 

 

Ich kann in diesem Haus nicht zur Künstlerin Erzsebet Nagy SAAR und ihren Bildern sprechen, ohne den Geist von Ludwig Wittgenstein zu respektieren. Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins.

Wie schaut es damit bei Erzsebet Nagy SAAR aus?

Nun Frau Nagy ist eine weitgereiste junge Frau. Sie stammt aus Ungarn, nahe der rumänischen Grenze, studierte in Kanada, an der Florida Universität in den USA, in Cambridge – wieder ein Bezug zu Wittgenstein, Madrid und Wien und lebt zeitweise in Thailand. Sie spricht Deutsch, Englisch, Spanisch und wohl auch etwas Thai und das alles in Ungarisch.

Im Tractatus sagt Wittgenstein "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Nagys Welt ist grenzenlos und ihre Sprache ist die Malerei. Die Grenzen ihrer Sprache bedeuten die Grenzen ihrer Welt und die ist grenzenlos. Fast grenzenlos.

Da sind zuerst die Mal-Aktionen der Erzsebet Nagy SAAR. Wenn man will, die Körpersprache. Da wälzt sich ein Körper in Farben, wird zum Malgrund, zum Kunstobjekt, zum Ausdrucksmittel, zum Objekt der forcierten Betrachtung. Da gibt es keinen Regisseur der Farbe und Form kontrolliert, das macht die Künstlerin oder Aktionistin selbst. Ihre Grenze ist die Selbstkontrolle.

Und es ist Selbstüberwindung. Farbe ist auch Beschmutzung des Körpers, anders als die kosmetischen Farben oder Schmuckfarben, die der Konvention entsprechen. Selbst wenn sie so extrem ist wie die Hennamalereien der Berberfrauen oder die Maskenschminke der Tragöden. Farbe ist auch Aggression gegenüber dem Beschauer: Kriegsbemalung. Der Mensch hat einen Reinigungszwang. Nur in Bereichen der Verelendung, der Slums, des Krieges, der Katastrophen toleriert der Mensch Verschmutzung. Und in der antiken Verzweiflung, wenn er sein Gesicht mit Asche beschmutzt. Oder in der Malaktion. Wenn Nagy die klaren Farben – ausschließlich Rot, Gelb, Blau – über sich gießt, sie auf dem Körper vermischt, so ist dies ein Akt der Überwindung des Widerstands gegen Beschmutzung, es ist ein Akt der Selbstüberwindung.

Nagys Körper-Mal-Aktionen machen niemanden zum Objekt eines aggressiven Umgangs mit der Farbe, aber sind auch keine Selbstbeschädigungen, wie es Tätowierungen sind. Ihre Arbeiten sind von sehr begrenzter zeitlicher Dauer und Dauerhaftigkeit und bleiben nur in Foto-Sequenzen erhalten.

Ihre Performances sind ganz individuelle Gestaltungsvorgänge der Künstlerin an sich selbst, von sich selbst bestimmt: Selbstbestimmung.

Eine der künstlerischen Methoden von Frau Nagy entspricht dem, was Wittgenstein beschreibt als: unwillkürliche Bilder etwa einen „inneren Raum“ mit „unsichtbaren Gegenständen“ zu suggerieren.

Das macht Erszebet Nagy SAAR mit ihren Collagen. Da verschränkt und überschneidet sie ‚unwillkürlich‘ - also nicht willkürlich oder zufällig – sondern ganz bewußt, zu neuen Bildräumen. Das ‚suggerieren‘ von dem Wittgenstein spricht, bedeutet wörtlich unterschwellig etwas andeuten, ohne es direkt zu sagen. Nehmen Sie sich die Zeit die Collagen zu entschlüsseln, b etreten Sie die inneren Räume der Künstlerin, die sie in den Collagen zeigt.

Wittgenstein postuliert: "Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen."

Nagys Sprache ist die Malerei und Grafik.

Sie ist erzählend, eine Art von visualisierten Selbstgesprächen. Zumeist sind es collagierte Gedankenbilder solcher Selbstgespräche. Im Sinne von „was gedacht werden kann, kann klar ausgesprochen werden“.

Sigmund Freud hat sich als Regel auferlegt: „Fallstudien die ich schreibe, sollten sich wie Kurzgeschichten lesen.“ Das langsame sich erschließen der Seelenbilder in den Berichten der Patienten an den Psychoanalytiker, sollten in den klinischen Bericht wiedergeben werden. Die Fallstudie sollte das langsame Auftauchen von Bildern und Erkenntnissen aus den Tiefen des Bewusstseins und des Unbewussten bloßlegen.

Das tut Nagy. Sie legt ihre Emotionen in der ganzen Farbigkeit des Ausdrucks bloß.

In Wittgensteins Philosophische Untersuchungen schreibt er: "Einer Frage entspricht immer eine Methode des Findens. Oder man könnte sagen: Eine Frage bezeichnet eine Methode des Suchens." –

Nagys Fragen – ihre Themen - sind immer persönliche: Selbstbetrachtungen, Selbstspiegelungen, Selbstbefragungen, Selbstanalysen. Berichte von Selbsterlebtem von der New York-Reise bis zur Beziehungsanalyse. Es ist immer sie selbst, auch wenn es nicht das collagierte, mehr oder minder erkennbare Selbstporträt des ehemaligen Fotomodells ist. Ihre Bilder sind immer eine Methode des Suchens

Was sie findet ist kompromisslos, da sie die Fragen sich selbst stellt und die Antworten für sich selbst findet. Sie arbeitet für sich selbst. Sie spekuliert nicht mit der Zustimmung und dem Beifall des Betrachters oder auch nur mit einer möglichen Schockwirkung, sondern transponiert persönliche Befindlichkeit in Öffentlichkeit. Nagy ist sich der Realität des exhibitionistischen Aspekts ihres Künstlerseins bewusst. Sie weiß, dass sie ihr Werk irgendwann der Öffentlichkeit präsentiert – so wie hier und heute . Aber dafür und deshalb macht sie keine Konzessionen.

"Wenn man das Element der Intention im Deutschen bedeutet das: die Absicht, im englischen aber der Vorsatz aus der Sprache entfernt, so bricht damit ihre ganze Funktion zusammen."

Und Wittgenstein sagt:

"Man kann nicht wollen, ohne zu tun."

Erzsebet Nagy SAAR gehört als bildende Künstlerin in die Reihe der Frauen, deren Themen aus der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Erleben, der Selbstbetrachtung und der eigenen akzentuierten Sicht der Ereignisse kommen. Aber ihre Methoden der Selbstbeschau und Selbstreflexion sind im zeitgenössischen Sinne, traditionell. Es ist die Collage, die malerische Mischtechnik auf Leinwand und Papier. Das Foto, auch die eigenen Fotos, dienen nur als Rohmaterial für das klassische Tafelbild. Auch die Manipulationen über die Computergrafik sind ihr zu wenig. Sie braucht die manuelle Arbeit mit dem Material, sie braucht das handwerkliche. Neben der Mikrowelt der gefundenen Bilddetails braucht sie die große Geste der Malerei, der Spontaneität und der Überdeckung. Hinter ihrem Werk steht immer die Intention im Sinne von Vorsatz.

Und sie muss es tun, muss malen, collagieren, zeichnen, denn "Man kann nicht wollen, ohne zu tun." 

Einer der bekanntesten Sätze Wittgensteins aus dem Tractatus ist:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."

Eben.

Danke

 

© Prof. Gerhard Habarta