Fallstudien

Das malerische und graphische Werk von Erzsebet Nagy ist in weiten Bereichen diesem body- und action-painting der Künstlerin verwandt. Nur ist es erzählender, eine Art von visualisierten Selbstgesprächen. Zumeist sind es collagierte Gedankenbilder solcher Selbstgespräche.

 

Sigmund Freud hat  sich als Regel auferlegt: „Fallstudien die ich schreibe, sollten sich wie Kurzgeschichten lesen.“ Das langsame sich erschließen der Seelenbilder in den Berichten der Patienten an den Psychoanalytiker, sollten in den klinischen Bericht wiedergeben werden. Aber vom Analytiker und Therapeuten in Form gebracht, die jene Spannung und Anspannung nachvollziehen lässt, die den Patienten bewegte. Die Fallstudie sollte das langsame Auftauchen von Bildern und Erkenntnissen aus den Tiefen des Bewusstseins und des Unbewussten bloßlegen.

Das tut Nagy. Sie legt ihre Emotionen in der ganzen Farbigkeit des Ausdrucks bloß.


Vielleicht bedingt aus ihrer Biografie. Michael Messner, der als erster das Werk  von Nagy analysierte, schreibt dazu: „Geboren 1974 in Ungarn, nahe der ungarisch-rumänischen Grenze, in einer Welt die von kommerzieller Einflussnahme durch Werbung und Marketing verschont wurde und wo die repressiven Auswüchse des diesen Freiraum kompensierenden Regimes, nicht in vollem Umfang zum tragen kamen. Diese Situation schärfte ein Auge von der Reinheit eines Kristalls und mit der Wahrnehmungsgabe eines Skalpells. Diese ‚biologischen Waffe’ sollte erst im Goldenen Westen seinen Auftrag und seine Bestimmung finden.

Wie fast die gesamte Generation der ‚Wendekinder’, ist auch sie geblendet von all den Genüssen und Verlockungen unserer reizüberfluteten Welt. Alles scheint erstrebenswert und erreichbar, der Globus rückt zusammen, neuralgische Knotenpunkte werden sichtbar und erreichbar. Budapest, Bangkok, New York, Madrid, Vancouver, London, Wien sind die Schauplätze. Kein sanftes hineinwachsen, keine Membran schützt diesen Säugling, keine begleitende Hand leitet diesen Menschen, die puren Marktmechanismen kommen ungefedert und ohne Filter zum tragen.“

 

Nagys Thema ist sie selbst, dort wo sie an die sie umgebende Welt anstreift. Dort wo diese auf sie wirkt, einwirkt. Dort wo sie sich der Welt - ihrer Nahwelt – also ihrem Intimbereich der Welt, stellt und auch wo sie sich ihr entzieht. Wo sie sich darstellt als Objekt der Fotografie oder verstellt durch Verkleidung. So wie der Detektiv mit falschem Bart unerkannt Verhalten von Menschen ausspioniert, so erforscht Nagy durch die Veränderung mit Perücken.


Ihre Themen sind immer Persönliches: Selbstbetrachtungen, Selbstspiegelungen, Selbstbefragungen, Selbstanalysen. Berichte von Selbsterlebtem von der New York-Reise bis zur Beziehungsanalyse. Es ist immer sie selbst, auch wenn es nicht das collagierte, mehr oder minder erkennbare Selbstporträt des ehemaligen Fotomodells ist.

 

Dazu gehört, dass sie kompromisslos für sich selbst arbeitet. Sie spekuliert nicht mit der Zustimmung und dem Beifall des Betrachters oder auch nur mit einer möglichen Schockwirkung, sondern transponiert persönliche Befindlichkeit in Öffentlichkeit. Nagy ist sich der Realität des exhibitionistischen Aspekts ihres Künstlerseins bewusst. Sie weiß, dass sie ihr Werk irgendwann der Öffentlichkeit präsentiert. Aber dafür und deshalb macht sie keine Konzessionen.

 

Lebenspraktischer Profi der sie ist, malt sie in einer gespaltenen Welt von künstlerischem Wollen und Professionalität und den Anforderungen des Kunstmarktes.

 

In einer seiner großen Reden hat der Nobelpreisträger Günther Grass, der nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch bildender Künstler,  mit Hinweis auf die abstraktiven großformatigen Bilder deutscher Bankfoyers und Versicherungs- und Regierungs-Konferenzräume vom Verzicht auf Realismus als Neutralisierung der Kunst zum Dekor gesprochen. Die verwechselbaren Hintergrundbilder prominentester Abstrakter bei TV-Interviews mit Politikern aller Parteien, von links bis ganz rechts, beweisen es täglich. Solche Bilder sind Nagys Beitrag zur gepflegten Innenausstattung komfortabler Einfamilienhäuser. Unaufgeregt, Modernität signalisierend, strahlen sie farbige Emotionalität und Expression aus. Damit kann man leben, davon kann Erzsebet Nagy leben. Und dafür muss sie sich auch nicht genieren. Dieser Teil des Werkes hat die handwerklichen Qualitäten des ausgebildeten Grafikprofis.