Das andere Werk Nagys entzieht sich der Verwendung als Lebensdekoration. Es ist zu sehr die Auseinandersetzung mit den Auslösemechanismen und der Außenwirkung der Medien. Und es sind Bildgeschichten von persönlichen Begegnungen und Aggressionen. Und zuallererst sind es Frauenbilder.


Hier ist ein Exkurs in die Kunstgeschichte angesagt. Das Image, also die Vorstellung die man gemeinhin von der Frau als Motiv in der bildenden Kunst hat, ist die des schönen Bildes. Das schöne Frauenbild, das mythologisch begründete Nackte, das schöne Damenbildnis, der schöne Akt, die Badenden von Renoir, das Nähren des Säuglings in den Madonnenbildern, das Sticken bei Vermeer, das biedermeierliche oder bäuerliche Haushaltsbild. Gewalt gegen Frauen, das diesem schönen Bild nicht entspräche, wird wie die Gewalt in Darstellungen der Kreuzigungen, durch die historische Dimension sublimiert. Die Inhalte werden ignoriert und es wird nur mehr nach stilkritischen Qualitätsmerkmalen gesehen. 

 

Dieses Bild wird generell erst gebrochen in der Kunst der Gegenwart. Zum ersten Mal seit der Renaissancemalerin Artemisia Gentileschi kommt Gewalt an Frauen und durch Frauen an die Öffentlichkeit der Kunsthallen. Vielleicht begann diese Brachialgewalt erst bei Niki de Saint Phalle, die sich von ihren lebensprägenden Erfahrungen frei schoss. Oder mit den provokanten feministischen Aktionen wie der von Valie Export. Danach erfolgte ein Dammbruch, nach dem alle Konventionen und Tabuzonen durchbrochen wurden. Die alle Bereiche der möglichen und ungeahnten künstlerischen Äußerung umfassenden Selbstdarstellungen durch Frauen, fanden ihre Höhepunkte in der Aktions- und Videokunst und den neuen Medien. Selbstdarstellungen, oft verbunden mit sadomasochistischen Selbstbeschädigungen, die an die Grenzen des selbstverträglichen gehen.

 

Erzsebet Nagy gehört als bildende Künstlerin in die Reihe der Frauen, deren Themen aus der eigenen Persönlichkeit, dem eigenen Erleben, der Selbstbetrachtung und der eigenen akzentuierten Sicht der Ereignisse kommen. Aber ihre Methoden der Selbstbeschau und Selbstreflexion sind im zeitgenössischen Sinne, traditionell. Es ist die Collage, die malerische Mischtechnik auf Leinwand und Papier. Das Foto, auch die eigenen Fotos, dienen nur als Rohmaterial für das klassische Tafelbild. Auch die Manipulationen über die Computergrafik sind ihr zu wenig. Sie braucht die manuelle Arbeit mit dem Material, sie braucht das handwerkliche. Neben der Mikrowelt der gefundenen Bilddetails braucht sie die große Geste der Malerei, der Spontaneität und der Überdeckung.


Der direkte Auslöser des Illustriertenfotos wird mechanisch bearbeitet, ausgerissen, ausgeschnitten, geklebt, wieder entfernt, übermalt, übertüncht, überzeichnet, akzentuiert, mit Schrift verbunden. Bekanntes wird anonymisiert mit geklitterten Wortfetzen. Der Beschauer wird durch integrierte Schlagzeilen und Titel auf Spuren gesetzt. Die Anregung zum Lesen ist gleichzeitig Verunsicherung durch vermutete aber unerkennbare Zusammenhänge. Grobe malerische Retuschen verstärken die Auslösemechanismen von Lippen und Augen ins extreme. Im Kosmetikspiegel des professionellen Make-ups erkannte Reize und Augenfallen, werden in den Bildern in grober Retusche umgesetzt, verdeutlicht, bewusst gemacht. In fokussierenden Ausschnitten wird in den Bildern die Wirkung von kommerzialisierten sexuellen Reizen auf den Punkt gebracht. Diese sonst unbewusst bleiben sollende Wirkungsweise wird im wörtlichen und übertragenen Sinn von der Künstlerin ‚dick’ aufgetragen, wird durch die so entstehende Maskenhaftigkeit enttarnt und verraten.

 

So ‚äußerlich’ die Bilder der Nagy sind - immer ist das Grundmaterial das glatte Abbild schöner Menschen, Ausrisse von Pin-ups unterschiedlichster Herkunft - so verdichtet, verdeutlicht und entstellt die malerische Geste und graphische Überarbeitung diese Glätte. Abbildungen der Symbole des Sex  sind nur der Aufhänger, Wegweiser und Blickfänger. Es geht nicht um Sex, es geht um dessen Abwesenheit oder um die Suche danach.

 

So sehr in Nagys Bildern von Macht und Gewalt zu sehen ist und so international sich die Bilder geben durch die Verwendung vorwiegend angloamerikanischer Titel und Textintegrationen, so wenig reflektieren sie Politik. Durch sie entsteht bei der Künstlerin kaum Betroffenheit. Aktuelles gibt es nur in der aus TV-Bildern collagierten Kriegsreflexion von 1999 ‚after-storming’ . Die Vorlagen könnten auch von 2003 stammen. Das gibt der monochromen Bildgeschichte eine hoffnungslose Zeitlosigkeit.

Historisch-politisches, wie das legendäre Foto vom Kriegsende 1945 auf New Yorks Time Square, mit dem Ausdruck seiner Spontaneität und Freude über die Rückkehr der Siegreichen, wird zur persönlichen Liebesgeschichte. Künstlich ungelenk ergänzt wird aus dem perfekten Symbol vom Ende der Angst ein persönlich anonymes ‚kissing’.